Wenn mein Oldtimer nach einer langen Fahrt in der Garage steht und der Motor leise vor sich hin tickt, weiß ich ziemlich genau, was er jetzt braucht. Ich kenne die Wartungsintervalle, die vertrauten Geräusche und die Hinweise darauf, dass etwas nicht stimmt.
Auch für meine Kamera und meinen Lieblingspullover trage ich eine Gebrauchsanleitung im Kopf. Für die Dinge, die mir wichtig sind, ist das selbstverständlich.
Und dann sitzt mir ein Mensch gegenüber, der seit Jahren ein Team führt, Entscheidungen trifft und Verantwortung trägt. Ich frage: Kennen Sie eigentlich Ihre eigene Gebrauchsanleitung?
Wir kennen unsere Geräte oft besser als uns selbst
Die Frage ist nicht kompliziert. Sie berührt nur etwas, über das wir im Alltag selten nachdenken. Was bringt mich in meine Kraft? Was kostet mich Energie? Wann brauche ich Ruhe, und wann hilft mir der Austausch?
Vielleicht kennen Sie diese Szene: Nach einem anstrengenden Arbeitstag wünschen Sie sich erst einmal zwanzig Minuten für sich. Ihr Gegenüber möchte dagegen sofort erzählen und Nähe spüren. Beide haben gute Absichten. Trotzdem entsteht Ärger, weil jeder etwas anderes erwartet.
Im Beruf läuft dasselbe Spiel. Die eine Kollegin braucht Vorbereitung und verlässliche Absprachen. Der andere findet seine besten Ideen im spontanen Austausch. Unterschiedliche Bedürfnisse sind zunächst kein Fehler. Schwierig wird es, wenn wir sie nicht kennen und nicht darüber sprechen.
Ein Beispiel: Timo denkt laut. Anja braucht eine Nacht.
Stellen Sie sich Timo und Anja vor. Timo leitet einen Bereich, Anja ein Team. Sie planen gemeinsam ein neues Projekt. Timo wirft Ideen in den Raum, verwirft sie und greift sie wieder auf. Beim Sprechen entsteht für ihn Klarheit.
Anja wird dabei immer stiller. Sie möchte erst nachdenken, bevor sie einen Vorschlag macht. Timo deutet ihr Schweigen als fehlendes Interesse. Anja erlebt seine Ideenflut als Aktionismus. Beide wollen, dass das Projekt gelingt. Trotzdem entsteht ein feiner Riss.
Eine persönliche Gebrauchsanleitung kann diese Deutungen besprechbar machen. Timo könnte sagen: Ich denke laut. Meine erste Idee ist noch keine Entscheidung. Anja könnte antworten: Gib mir eine Nacht, dann bekommst du meine besten Gedanken.
Daraus lässt sich eine konkrete Vereinbarung machen: Im Meeting sammeln wir Möglichkeiten. Vor einer Entscheidung gibt es Zeit zum Nachdenken. So wird aus einer vermeintlichen persönlichen Schwäche eine Arbeitsbedingung, über die sich sprechen lässt.
Was eine persönliche Gebrauchsanleitung leisten kann
Eine Gebrauchsanleitung übersetzt Selbstkenntnis in verständliche Hinweise für andere: So erreichen Sie mich. Das hilft mir unter Druck. Daran erkennen Sie, dass ich an meiner Grenze bin. Und das sollten wir klären, bevor ein Missverständnis entsteht.
Sie ist kein Persönlichkeitstest und kein Etikett. Sie soll auch nicht erklären, warum jemand immer so bleiben muss. Sie ist ein Ausgangspunkt für ein Gespräch darüber, wie gute Zusammenarbeit möglich wird.
Drei Dinge können dadurch leichter werden: Sie nehmen eigene Bedürfnisse ernster, bemerken belastende Muster früher und können bewusster entscheiden, welche Bedingungen Sie verändern oder mit anderen vereinbaren möchten.
Aus dem Vorwurf „Du ziehst dich immer zurück“ kann die Information werden: „Nach der Arbeit brauche ich zwanzig Minuten Ruhe. Danach bin ich wieder ansprechbar.“ Dasselbe Bedürfnis wird verständlicher, sobald es ausgesprochen und gemeinsam eingeordnet wird.
Riemann-Thomann als Einstieg, nicht als Schublade
In Workshops nutze ich gern das Riemann-Thomann-Modell als Gesprächsanlass. Es beschreibt vier Grundstrebungen: Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel. Sie stehen für Bedürfnisse nach Verbundenheit, Eigenständigkeit, Verlässlichkeit und Abwechslung.
Jeder Mensch kennt alle vier Bedürfnisse. Ihre Bedeutung kann sich je nach Situation und Erfahrung verändern. Das Modell kann helfen, Unterschiede wahrzunehmen. Es erklärt weder einen Menschen vollständig noch jeden Konflikt.
Wie das Riemann-Thomann-Modell im Führungsalltag hilft, erläutere ich im vertiefenden Artikel.
Sechs Fragen für Ihren ersten Entwurf
Sie brauchen kein fertiges Profil, um anzufangen. Nehmen Sie eine konkrete Situation aus Ihrem Arbeitsalltag und beantworten Sie die Fragen möglichst anschaulich:
- Was gibt mir Energie, und was erschöpft mich?
- Welche Vorbereitung, Struktur oder Freiräume helfen mir, gut zu arbeiten?
- Wann brauche ich Austausch, und wann erst einmal Zeit für mich?
- Wie möchte ich Feedback bekommen, damit ich es aufnehmen kann?
- Woran können andere erkennen, dass ich unter Druck gerate?
- Was hilft mir dann, und welchen eigenen Beitrag kann ich leisten?
Formulieren Sie anschließend drei bis fünf Sätze. Zum Beispiel: Bei größeren Änderungen helfen mir Hintergrundinformationen und ein klarer nächster Schritt. Oder: Wenn ich im Meeting still bin, denke ich möglicherweise noch nach. Fragen Sie mich nach meiner Einschätzung, bevor Sie das als Zustimmung verstehen.
Was wäre der eine Satz, der in Ihrer Gebrauchsanleitung ganz oben stehen müsste?
Im Team wird aus Selbstkenntnis eine Vereinbarung
In der Teamentwicklung erlebe ich immer wieder, wie entlastend es sein kann, Bedürfnisse auszusprechen. Plötzlich lässt sich besprechen, weshalb eine Person die Tagesordnung vorher möchte und eine andere Spielraum für neue Ideen braucht.
Die Gebrauchsanleitung ist dabei ein Angebot zur Verständigung, kein Forderungskatalog. Nicht jedes Bedürfnis lässt sich jederzeit erfüllen. Auch Aufgaben, Verantwortung, Grenzen und die Bedürfnisse anderer gehören in das Gespräch.
Besprechen Sie gemeinsam: Was können wir berücksichtigen? Wo brauchen wir einen Kompromiss? Was liegt in eigener Verantwortung? Halten Sie daraus wenige konkrete Vereinbarungen fest, etwa zur Vorbereitung von Meetings, zu Rückmeldungen oder zum Umgang mit kurzfristigen Änderungen.
Wer seine Gebrauchsanleitung teilt, entscheidet selbst über die Tiefe. Persönliches muss nicht vor dem gesamten Team offengelegt werden. Entscheidend sind die Hinweise, die für die Zusammenarbeit hilfreich sind.
In meinen Teamworkshops verbinden wir solche Gespräche mit Erfahrungen aus Ihrem Arbeitsalltag.
Eine Gebrauchsanleitung ist nie fertig
Was Ihnen mit dreißig geholfen hat, muss mit fünfzig nicht dieselbe Bedeutung haben. Eine neue Rolle, eine Krise oder eine veränderte Lebenssituation kann andere Bedürfnisse in den Vordergrund rücken.
Schauen Sie deshalb nach einigen Wochen erneut auf Ihre Sätze. Was passt noch? Was hat sich im Alltag bewährt? Was möchten Sie genauer oder anders formulieren? Eine lebendige Gebrauchsanleitung wächst mit Ihren Erfahrungen.
Ihr nächster Schritt: die eigene Gebrauchsanleitung entdecken
In meiner persönlichen Gebrauchsanleitung finden Sie einen etwa zehnminütigen Orientierungscheck nach dem Riemann-Thomann-Modell. Er ist kein psychologischer Persönlichkeitstest. Er bietet Anregungen, eigene Bedürfnisse und Verhaltensmuster bewusster wahrzunehmen.
Das Reflexionsjournal bietet außerdem Wege, persönliche Werte zu sortieren und eine schwierige Zusammenarbeit zu betrachten. Beginnen Sie dort, wo Ihre aktuelle Frage liegt.
Die persönliche Gebrauchsanleitung öffnen →
Niemand kann Gedanken lesen. Aber wir können verständlich machen, was für gute Zusammenarbeit wichtig ist. Selbstkenntnis ist der erste Schritt. Gemeinsam daraus tragfähige Vereinbarungen zu entwickeln, der nächste.
